[Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Von der Depression zur Prosperität und zurück
[Review] Stephan Schulmeister - The Road to Prosperity - From Depression to Prosperity and back
Stephan Schulmeister ist ein Ökonom und Jurist aus Österreich, der jedoch wenig mit der sogenannten österreichischen Schule also den wirtschaftsliberalen Ökonom gemein hat.
Der am 26. August 1947 geborene Ökonom war von 1972 bis 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) für Prognosen, Wirtschaftsentwicklung, Finanzmärkte und internationaler Handel.
Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf den Interessenskonflikten zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern aus der Realwirtschaft und den Finanzmärkten oder Finanzkapital.
Nach Schulmeister schwankt die wirtschaftliche Ordnung in ihrer Ausrichtung dauerhaft zwischen Realkapitalismus und Finanzkapitalismus schwankt.
Hierbei werden lange Aufschwünge durch ein Interessenbündnis zwischen Arbeitnehmern und Realkapital getragen und lange Abschwünge durch ein Interessenbündnis zwischen Realkapital und den Finanzmärkten oder Finanzkapital verursacht.
Die zwei wesentlichen Aspekte von Schulmeister in "Der Weg zur Prosperität" aus 2018 sind der Wechsel der Spielanordnung und die organisierte Gegenbewegung. Schulmeister beschreibt wie die große Depression von 1929 eine neue Politik notwendig gemacht hat und welchen Erfolg diese Politik hatte. Hierfür wird ein Bogen bis zu den Ölkrisen der 1970ern bis heute gespannt. Und hierbei wird beschrieben welche makroökonomischen Veränderungen stattgefunden haben und welche Konsequenzen diese makroökonomischen Veränderungen haben.
- Von der großen Depression zur Prosperität
- Die Missverstandenen 70er
- Von der Prosperität zurück
- Der Wechsel der Spielanordnung
Von der großen Depression zur Prosperität
Schulmeister verwendet die große Depression von 1929 als Startpunkt. Austerität und Lohnsenkungen aus vermeintliche Lösungen. Austerität ist die Folge der Annahme, dass Staatsdefizite immer schlecht sind. Das Defizit vom Staat ist allerdings der Überschuss der privaten Haushalte und der Unternehmen und umgekehrt. Die Annahme bei Lohnsenkungen ist dass die Nachfrage nach Arbeit steigt, wenn der Preis für Arbeit in Form der Löhne sinkt. Löhne sind aber nicht nur Kosten für Unternehmen sondern die Einnahmen der jeweils anderen Unternehmen. Die Reaktionen auf die große Depression in Form von Austerität und Lohnsenkungen haben diese also verschlimmert anstatt die Situation zu verbessern. [1, p.61-63]
John Maynard Keynes hat als ehemaliger Börsenspekulant die Herkunft der großen Depression und das nicht funktionieren der damaligen Maßnahmen verstanden. Als Berater vom Präsident der USA Franklin D. Roosevelt (D) (1933-45) hat Keynes den New Deal mitgestaltet, welcher die USA aus der großen Depression geführt hat. Und mit der Veröffentlichung der "General Theory of Employment, Interest and Money" in 1936 gelang Keynes endgültig der Durchbruch und weltweite Beachtung. Die wesentlichen Merkmale vom angewendeten Keyesianismus waren damals die Nachfrageorientierung, staatliche Regulierung von Währungen (Außenhandels- und Leistungsbilanzgleichgewichte durch regulierte Wechselkurse) und die Bedeutung der Unsicherheit. Schulmeister erwähnt aber auch dass der Keyesianismus später dann auch mit dem Neokeyesianismus wieder zurück entwickelt und auf Krisen-Interventionismus reduziert wurde. [1, p.63-70]
[2, ZUTN] [2, ALCD0]
In seinen letzten beiden Lebensjahren von 1944 bis 1946 widemte sich Keynes dann der Schaffung der internationalen Währungsordnung Bretton Woods System und dessen Wechselkursregime (1944-71).
Durch und während des Bretton Woods Systems und dessen Wechselkursregime (1944-71) wurden Außenhandels- und Leistungsbilanzungleichgewichte sowie Währungsspekulation verhindert und die Zinssätze lagen unterhalb der Wachstumsrate.
Schulmeister erwähnt aber auch dass sich Keynes nicht endgültig mit der supranationationalen Weltwährung ("bancor") durchsetzen konnte.
Das Ziel dessen war Währungsspekulation und Außenhandels- und Leistungsbilanzungleichgewichte zu verhindern.
Stattdessen wurde der US-Dollar zur Ankerwährung.
Das Ergebnis dieser Politik gilt als das goldene Zeitalter des Kapitalismus (1944 bis 1971).
[1, p.70-74]
Die Missverstandenen 70er
Schulmeister beschreibt den Umschwung der Wirtschaftsordnung als Folge von Krisen und dessen Reaktion. Empfehlungen schufen Probleme die sie nicht lösen konnten und die Verursacher konnten sich nicht als solche wahrnehmen. Zwei (Öl-)Preisschocks (1973 und 79) führten zu zwei Rezessionen infolge dessen der Keynesianismus als Widerlegt gedeutet wurde. Dem folgten dann eine massive Hochzinspolitik und die "theoriekonsistente" Bekämpfung von Arbeitslosigkeit durch Lohnzurückhaltung, Senkung des Arbeitslosengeldes und der Lockerung des Arbeitnehmerschutzes. Dies erhöhte aber die Arbeitslosigkeit anstatt sie zu verringern. Dazu kam die Liberalisierung der Finanzmärkte und die Auflösung vom Wechselkursregime (1944-71) des Bretton Woods Systems. [1, p.104-111 , p.193-197]
Zur "theoriekonsistenten" Bekämpfung von Arbeitslosigkeit kommt noch die Theorie der natürliche Arbeitslosenrate nach Milton Friedmann hinzu. Arbeitslosenrate sei ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage und Arbeitslosigkeit wird am besten durch Beschränkungen von Arbeitnehmerschutz oder Kürzung von Arbeitslosengeld bekämpft. Der Preis für Arbeit in Form der Löhne soll dann die Nachfrage nach Arbeit regeln. Tatsächlich sind Löhne die Kosten für die Unternehmen und die Einnahmen der jeweils anderen Unternehmen, weswegen eine Verringerung vom Preis für Arbeit in Form der Löhne nur wieder die Nachfrage verringert und damit die Arbeitslosenrate erhöht. Und die natürliche Arbeitslosenrate ist die Arbeitslosenrate bei der die Verhandlungsposition der Erwerbstätigen nicht zu groß sei und damit die Inflationsrate begrenzt. Die Arbeitslosenrate soll so hoch beziehungsweise nicht zu klein sein damit die Erwerbstätigen nicht zu große Lohnforderungen stellen und damit die Inflationsrate nicht zu sehr steigt. [1, p.92-93]
Die zwei (Öl-)Preisschocks (1973 und 79) führten zu höheren Kosten für Importe speziell für Energieimporte. Diese gestiegenen Kosten wurden unweigerlich in alle Waren und Dienstleistungen umgewälzt für die Energieimporte benötigt werden, also alle. Die Zentralbanken haben allerdings die gestiegene Inflationsrate mit steigenden Zinsen zu bekämpfen. Damit wurden die wirtschaftlichen Konsequenzen der (Öl-)Preisschocks nur verschlimmert. Gestiegene Kosten für Importe speziell für Energieimporte können unmöglich durch höhere Zinsen bekämpft werden. [1, p.104-111 , p.193-197]
[2, ZCPIN] [2, ISN]Die neue Dominanz der neuen Wirtschaftsliberalen wurde dann mit der Wahl von Margaret Thatcher (Conservative) in 1979 und von Ronald Reagan (R) in 1980 etabliert. Und mit Etablierung von korrespondierenden Theorien wie zum Beispiel Theorie der rationalen Erwartungen (Lucas, 1995), Theorie der realen Konjunkturzyklen (Edward & Prescott, 2004) oder Markteffizenzhypothese (Farma, 2013) wurde diese neue Dominanz gestärkt. Aus dieser Situation hat sich dann eine Dynamik ergeben in der die neu etablierten Theorien die Politik beeinflusst habt und die Politik die Grundlage für weitere Theoriebildung gelegt hat. [1, 113-122]
Den neoliberalen Ökonomen ist es trotz der hervorragenden Performance der keynesianisch-realkapitalistischen Spielanordnung in der Prosperitätsphase gelungen, ihre Weltanschauung durchzusetzen.
... [1, 116]
Von der Prosperität zurück
Seit den 1970ern ist der reale Zinssatz häufiger über dem realen BIP Wachstum. Der reale Zinssatz ist der um die Inflationsrate korrigierte Zinssatz. Und das reale BIP Wachstum ist das um die Inflationsrate korrigierte BIP Wachstum. Die Differenz vom beiden ist die gesamtwirtschaftliche Rendite. Dies bedeudet nicht dass keine Investitionen mehr rentabel sind, da nicht alle Investitionen den gleichen Gewinn produzieren. Das heißt aber auch dass die gesamtwirtschaftliche Rendite seit den 1970ern häufiger negativ ist. [1, p.132-141 , p.193-197 , p.247-251]
[2, OVGD] [2, ISRV]Der reale Zinssatz entspricht der realen Rendite für Kreditgeber und der realen Belastung für Kreditnehmer. Die Höhe des reale Zinssatz beeinflusst damit direkt das Investitionsverhalten in einer Volkswirtschaft, da Unternehmen bei der Kalkulation von Investitionen die voraussichtlichen Zinskosten aus den voraussichtlichen realen Erlösen finanzieren müssen. Ein zu hoher realer Zinssatz dämpft folglich die Investitionen und das BIP Wachstum. Aus diesem Dilemma ergibt sich eine Situation bei der Koflikt zwischen Realkapital und Arbit durch den Koflikt mit dem Finanzkapital überlagert wird. [1, p.132-141 , p.193-197 , p.247-251]
- " Das Erwerbs- und Vermehrungsinteresse des Realkapitals entfaltet sich auf den Gütermärkten durch Produktion, Handel und Investitionen. Der Profit stammt aus der Schaffung von Vermögen. "
- " Das Erwerbs- und Vermehrungsinteresse des Finanzkapitals entfaltet sich auf den Finanzmärkten durch Halten von Finanzvermögen oder "schnelles" Trading. Der Profit stammt aus Bewertungsdifferenzen und Benutzungsgebühren bestehender Vermögen. "
- " Das Erwerbs- und Vermehrungsinteresse der Arbeit entfaltet sich in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, ihre Entlohnung stammt aus der Schaffung von Vermögen. "
Nach Schulmeister sind Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung für Mainstrem-Ökonomen zwei eigenständige Probleme. Die Nachfrage nach Arbeit in Form der Arbeitslosigkeit hängt vom Preis für Arbeit in Form der Löhne ab. Und Staatsverschuldung ist die unweigerliche Folge von zu hohen Sozialausgaben, Überschreitungen der Kompetenzen des Staates oder eine ineffiziente Bürokratie. Gegen beides helfen angeblich nur noch Strukturreformen, Deregulierung und ein Abbau des Sozialstaates. Aber nach Schulmeister wird beides jedoch durch die Verlagerung des Gewinnstrebens auf Finanzinvestitionen gedämpft. [1, p.190-207]
Insgesamt ergibt sich eine signifikant geänderte Ordnung der meisten Volkswirtschaften intern und miteinander. Das Wechselkursregime (1944-71) des Bretton Woods Systems wurde aufgelöst. Die Lohnquote ist gesunken und die Arbeitslosenrate ist gestiegen. Der reale Zinssatz ist häufiger über dem realen BIP Wachstum und die gesamtwirtschaftliche Rendite ist folglich häufiger negativ.
Und es ist diese geänderte volkswirtschafltichen Ordnung die zu einer geänderten Dynamik führt.
Die Außenhandels- und Leistungsbilanzen der Länder werden nicht mehr ausgeglichen.
Stattdessen ist es zu großen die Außenhandels- und Leistungsbilanzungleichgewichten der Länder gekommen.
Infolgedessen verlieren die Länder mit Außenhandels- und Leistungsbilanzdefiziten Nachfrage an andere Länder.
[1, p.190-207]
Der Sektor Unternehmen also die Summe der Unternehmen in den Volkswirtschaften hat vom Schuldner zum Sparer gewechselt. Die Summe aller Ausgaben der Unternehmen war größer als die Summe aller Einnahmen. Nun ist es genau umgekehrt. Der Sektor Unternehmen hat also vorher durch Investitionen das sparen der privaten Haushalte augegelichen und durch Bildung von Realkapital die wirtschafltiche Entwicklung angetrieben. Mittlerweile sind die Investitionen vom Sektor Unternehmen aber gefallen und der Sektor Unternehmen ist selbst zum Sparer geworden. [1, p.190-207]
[2, UVGD] [2, UBLC]Übrig bleibt der Sektor Staat in den Volkswirtschaften. konfrontiert mit Unternehmenssektoren die zu Sparern geworden sind bleiben nur jeweils die Außenhandels- und Leistungsbilanz sowie jeweils der Staat übrig um das sparen der Sektoren Unternehmen und private Haushalte auszugleichen. Wenn eine Volkswirtschaft zusätzlich Außenhandels- und Leistungsbilanzdefizite macht, dann bleibt einzig der Staat übrig um Nachfrage zu generieren. Folglich stehen hinter Volkswirtschaften mit Außenhandels- und Leistungsbilanzüberschüssen wiederum die Staatsdefizite von anderen Ländern. Staatsdefizite und wachsende Staatsschulden sind folglich kein Ergebnis mangelnder Disziplin oder weil über die eigenen Verhältnisse geworden sind sondern eine Ergebnis der geänderte volkswirtschafltichen Ordnung. [1, p.190-207]
[2, UBLGE]...
Die "Keynesianer" hingegen schaffen es trotz der miserablen Performance der neoliberal-finanzkapitalistischen Spielanordnung nicht, eine alternative Theorie zu entwickeln. [1, 116]
Der Wechsel der Spielanordnung
Nach Angaben von Schulmeister ist der Wechsel von real- zu finanzkapitalistischer "Spielanordnung" kein Zufall.
Stattdessen bereiten beide "Spielanordnungen" den Boden für ihren Niedergang und damit den Wechsel zum jeweils anderen.
Die typischen Maßnahmen der finanzkapitalistischer "Spielanordnung" wie zum Beispiel Lohnsenkung als Maßnahme gegen Arbeitslosigkeit oder Austerität verschlimmert eine Krise anstatt sie zu verbessern.
Und der Erfolg der realkapitalistischen "Spielanordnung" schmälert die Rendite für das Finanzkapital und schafft ein Bedrohungsszenario für das Realkapital und schafft somit die Ablehnung gegen sich selbst.
Schulmeister erklärt mit dieser Theorie auch die Aufschwungphase von 1848 bis 1873 und den erneuten Aufschwung der Belle Epoque von 1890 bis 1914.
Nach Angaben von Schulmeister sind die Voraussetzungen für einen Wandel der "Spielanordnung" eine schwere Krise, eine Organisation die Ihre Interessen vorantreibt und ein Navigationskarte.
Gleichzeitig wird aber auch angenommen dass die wirtschaftliche Entwicklung durch technologische Innovationen (z.B. Dampfmaschine, Eisenbahn, Transistor, etc.) geprägt wird.
Und auf lange Sicht überlagern sich diese beiden Entwicklungen.
[1, p.141-147]
Vorschau:
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
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- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Der Weg zur Prosperität - Politikwechsel statt Systemwechsel
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Die Gegenbewegung
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Der Euro und die EU
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[1] Stephan Schulmeisters Buch - Der Weg zur Prosperität- ISBN 978-3711001481
[2] AMECO - annual macroeconomic database / jährliche makroökonomische Datenbank
https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-research-and-databases/economic-databases/ameco-database_en
[3] Welche Aufgaben kommen für die Sozialdemokratie? Schulmeister und Max Lercher 2018-05-07
https://youtu.be/iJzheZwCtV0
[4] Der Weg zur Prosperität Stephan Schulmeister Buchvorstellung WU in Wien 2018-06-08
https://youtu.be/_s2SJIKk204
[5] „Wir sind in gefährlicher Nähe zu den 1930er-Jahren.“ Stephan Schulmeister im Gespräch 2018-06-18
https://youtu.be/tL0kaHQTByA
[6] Stephan Schulmeister - Europas Weg in die Krise und zurück zur Prosperität 2018-06-22
https://youtu.be/cKy4Y5Zk8ig
[7] Märkte als Religionsersatz? | Stephan Schulmeister bei quer.denken. 2019-02-07
https://youtu.be/EUCGzOkfBtc
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