Nachtrag 2026-06-09:
Diese Rezension wurde aktualisiert.
See also:[Review] Stephan Schulmeister - The Road to Prosperity - Refuting Myths
Stephan Schulmeister ist ein Ökonom und Jurist aus Österreich, der jedoch wenig mit der sogenannten österreichischen Schule also den wirtschaftsliberalen Ökonom gemein hat.
Der am 26. August 1947 geborene Ökonom war von 1972 bis 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) für Prognosen, Wirtschaftsentwicklung, Finanzmärkte und internationaler Handel.
Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf den Interessenskonflikten zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern aus der Realwirtschaft und den Finanzmärkten oder Finanzkapital.
Nach Schulmeister schwankt die wirtschaftliche Ordnung in ihrer Ausrichtung dauerhaft zwischen Realkapitalismus und Finanzkapitalismus schwankt.
Hierbei werden lange Aufschwünge durch ein Interessenbündnis zwischen Arbeitnehmern und Realkapital getragen und lange Abschwünge durch ein Interessenbündnis zwischen Realkapital und den Finanzmärkten oder Finanzkapital verursacht.
Für Schulmeister werden schlechte wirtschaftspolitische Entscheidungen oft durch Meinungsmache oder Missinformationen gemacht. Um also die herrschenden Verhältnisse zu ändern müssen diese Meinungsmache oder Missinformationen aufgeklärt werden. Hierfür schreibt Schulmeister in "Der Weg zur Prosperität" aus 2018 gegen viele Behauptungen an.
- Der Markt regelt das
- Die Agenda 2010 war ein Erfolg
- Geld arbeiten lassen
- Austerität oder Sparen hilft
Der Markt regelt das
Schulmeister widerspricht der gängigen Behauptung der Markt regelt das beziehungsweise dass der Markt zum effizientesten Einsatz von Ressourcen führt.
Er unterscheidet nach den Denkweisen der idealistischen und realistischen Ökonomie.
Die Denkweisen der idealistischen Ökonomie geht davon dass Menschen nur individuelle, nur rationale, nur eigennützige Wesen mit identischen Präferenzen und vollkommenen Informationen sind.
Das Gleichgewicht am Markt führt folglich zum effizientesten Einsatz von Ressourcen.
Die Denkweisen der realistischen Ökonomie dagegen geht davon aus dass Menschen rationale und emotionale Wesen sind.
Das Gleichgewicht am Markt hängt folglich von den Präferenzen und Informationen der Teilnehmer ab.
Wer also behauptet dass der Markt alles regelt oder dass der Markt zum effizientesten Einsatz von Ressourcen führt, verschweigt wessen Interessen dabei bedient werden.
[1, p.18-23]
Beispiele sind:
- Arbeitsmarkt
- Markteffizienzhypothese
- Selbstregulierung von Märkten
Ein deutliches Beispiel dafür dass nicht alle volkswirtschaftlichen Dynamiken in das Konzept des Marktes passen ist der vermeintliche Arbeitsmarkt. Arbeitslosigkeit ist nicht einfach ein Ergebnis zu hoher Löhne. Und die Nachfrage nach Arbeit lässt sich nicht einfach durch den Preis für Arbeit in Form der Löhne regulieren. Der Arbeitsmarkt ist folglich kein Markt, weil hier die Regeln von Angebot und Nachfrage nicht gelten. Löhne sind nicht nur die Kosten von Unternehmen sondern auch die Einnahmen der jeweils anderen Unternehmen. Deswegen tragen die Löhne auch zur gesamten Nachfrage nach Gütern und folglich nach Arbeit bei. [1, p.18-23 , p.23-25]
Einen besonderen Stellenwert hat bei Schulmeister die Dynamik an den Finanzmärkten. Die Finanzmärkte sollten eigentlich am ehesten ein vollkommener Markt sein da persönliche oder räumliche Präferenzen weitgehend wegfallen und sich alle Teilnehmer umfangreich informieren können. Trotzdem folgen die Dynamiken am den Finanzmärkten nach dem Muster des Bullen- oder Bärenmarktes. Anstatt auf das ideale Gleichgewicht hinzuwirken verhalten sich die Teilnehmer jedoch wie eine Herde. [1, p.18-23 , p.25-32]
Als Ursprung für diese Weltanschauung sieht Schulmeister die Umdeutung der Aussagen des sehr bekannten und viel zitierten Ökonomen Adam Smith. Nach Schulmeister hat Smith dies jedoch weder beabsichtigt noch sich derart geäußert. [1, p.48-50]
By prefering the support of domestic to that of foreign industry, he intends only his own security; and by directing that industry in such a manner as its procedure may be of the greatest value, he intends only his own gain; and he is in this, as in many other cases, led by an invisible hand to promote an end which was no part his intention. Nor is it always the worse for the society that it was not part of it. By pursuing his own interest, he frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it.
Adam Smith [1, p.374(60)]
Laut Schulmeister bezog sich Smith mit seiner Metapher der unsichtbaren Hand lediglich auf den Handel von britischen Kaufleuten die wegen der Unsicherheit britische Handelspartner gegenüber solchen aus den britischen Kolonien bevorzugten. Diese Umdeutung führte dazu dass Märkte und das Symbol der unsichtbaren Hand zusammen mit dessen Gleichgewicht vermehrt als Subjekte wahrgenommen werden. Diesen Marktfundamentalismus und dessen leitendes Organ der unsichtbaren Hand attestiert Schulmeister religiöse Züge. [1, p.48-50]
Smith hat ein ganz anderes Verständnis von Wissenschaft als die Neoklassiker; Er will das ökonomische und soziale Verfahren von Menschen in der Realität erklären; die Neoklassik leitet ab, wie auch die Menschen verhalten würden, wenn sie rein rationale und nur eigennützige Individuen wären. [1, p.54]
Die Agenda 2010 war ein Erfolg
Politiker und Ökonomen sind regelmäßig der Überzeugung dass sich Arbeitslosigkeit verringern lässt indem der Preis für Arbeit in Form des Lohnniveaus verringert wird. Demnach lässt sich durch die Kürzung von Sozialleistungen und die Verringerung der Arbeitnehmerrechte die Arbeitslosigkeit verringern. In manchen Fällen wird zusätzlich Versprochen dass durch die Staatsschulden verringert werden, direkt durch die die Kürzung von Sozialleistungen und indirekt durch die vermeintliche Verringerung der Arbeitslosigkeit. Nach diesem Muster wurden erst die Gesetze für der Arbeitsmarkt in Deutschland und danach für diverse Mitgliedstasten im Süden der EU reformiert. [1, p.23-25 , p.228-229 , p.232-241 , p.259]
In der Praxis hat die Politik der Lohnzurückhaltung durch Kürzung der Sozialleistungen und Verringerung der Arbeitnehmerrechte enormen Schaden angerichtet und nicht die Versprechen eingehalten. Die Folgen für Deutschland sind Erwerbsarmut und eine unausgeglichene Außenhandelsbilanz. Infolge des Verlusts an Kaufkraft ging die Binnennachfrage gegenüber dem Exporten zurück und Deutschland hat enorme Exportüberschüsse aufgebaut. Die Folgen für die Mitgliedstasten im Süden der EU sind ihre Rezession durch mangelnde Nachfrage der hiesigen Volkswirtschaften und Importüberschüsse da sie trotzdem noch nicht das Verhältnis aus Lohnniveau und Arbeitsproduktivität von Deutschland erreicht haben. Für Deutschland ist offen ob die offene Forderungen beglichen werden oder bei einer Währungsreform sogar entwertet werden. [1, p.228-229 , p.232-241 , p.259]
[1, PLCD]Geld arbeiten lassen
Gerne wird beim Vertrieb von Anlagemöglichkeiten damit dass eigene Geld für sich arbeitet zu lassen. Schulmeister widerspricht diesem Versprechen grundsätzlich. Zum einem klärt er auf dass die Arbeit letztlich immer von Menschen gemacht werden muss und es sich nur um Investitionen handelt. Dazu kommt dass das frei verfügbare Einkommen mit der Einkommenshöhe steigt. Damit ergibt sich eine Dynamik in welcher der wachsende Fokus auf finanzkapitalistische Investitionen die Ungleichheit zusätzlich erhöht. [1, p.151-158]
Amateurspekulanten lassen sich davon faszinieren, dass Optionspreise manchmal an einem Tag um 30 Prozent oder sogar 50 Prozent steigen. Allerdings sind Amateure nicht in der Lage, das Risiko von Optionsgeschäften abzuschätzen. Erstens ist die auf der Wahrscheinlichkeitstheorie basierende Bestimmung des "fairen" Optionspreises mathematisch anspruchsvoll. Zweitens hält sich die Realität häufig nicht an die Wahrscheinlichkeitstheorie. [1, 164]
Und zum anderen warnt er dass hinter dem Versprechen all zu oft das Ziel steht möglichst viel Geld von Kleinanlegern zu holen. Hierbei werden einerseits die Ersparnisse von unwissenden Anlegern was meistens Kleinanleger sind angelockt um Käufer für schlechte Wertpapiere zu finden (Stupid-Money). Außerdem führt vermehrte Nachfrage nach finanzkapitalistischen Investitionen zu einer Preiserhöhung für die Investitionen (Asset-Price-Inflation) und die sich daraus ergebenden Waren und Dienstleistungen (z.B. Hus- und Mieterhöhungen). [1, p.163-166]
Austerität oder Sparen hilft
Mit der Austeritätspolitik sind Kürzungen des Staatshaushalts und Steuererhöhungen während einer Rezession definiert. Hiermit soll die Zahlungsfähigkeit des Staates verhindert und der Handlungsspielraum des Staates gesichert werden. Wenn dies erfolgt ist, dann wächst nach der Theorie das Vertrauen von Investoren und die wirtschaftliche Lage erholt sich wieder.
Nach Schulmeister hält die Austeritätspolitik dieses Versprechen jedoch nicht. Er führt dies nur zu einer größeren Rezession dadurch dass die Nachfrage nicht Erhöht und durch die Kürzungen des Staatshaushalts sogar verringert wird. Dies führt dann zur Erhöhung des Quotienten aus BIP und Staatsschulden und eine Verringerung der Steuereinnahmen. Für Schulmeister als Keynesianer müsse der Staat hier eine realkapitalistische und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik Verfolgen. Hierfür muss nach Schulmeister der Staat Schulden aufnehmen und durch öffentliche Nachfrage in die hiesige Wirtschaft investieren. Und als Gläubiger bei dem der Staat seine Schulden auch ohne Zinszahlungen aufnehmen soll nennt Schulmeister die hiesige Zentralbank. [1, p.242-251]
Schulmeister erklärt den Glauben an den Nutzen von Austerität unter anderem mit dem Say'sche Gesetz.
Nach dem Say'sche Gesetz (nach Jean-Baptiste Say) führt jedes Angebot für eine gleichgroße Nachfrage, infolge des Preismechanismus.
Demnach wäre eine Volkswirtschaft niemals aus Mangel an Nachfrage zu wenig ausgelastet.
In der Realität ist es dagegen so dass ein kürzen der Ausgaben des Staates eher zu einer schrumpfen Volkswirtschaft führt, da die Situation der privaten Haushalte und der Unternehmen verschlechtert werden.
Paradoxerweise führt die schrumpfende Volkswirtschaft dann aber wieder zu höheren Ausgaben als Einnahmen des Staates (Sparparadox).
Dazu kommt dass der Preismechanismus nicht der alleinige Prozess ist um Angebot und Nachfrage zu steuern.
Stattdessen wird menschliches Handeln auch in einer Volkswirtschaft von Perspektiven und ihrer jeweiligen Situation beeinflusst.
[1, p.63-65]
Vorschau:
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Der Weg zur Prosperität - Politikwechsel statt Systemwechsel
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Die Gegenbewegung
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Der Euro und die EU
- [Rezension] Stephan Schulmeister - Der Weg zur Prosperität - Von der Depression zur Prosperität und zurück
Src:
[1] Stephan Schulmeisters Buch - Der Weg zur Prosperität- ISBN 978-3711001481
[2] AMECO - annual macroeconomic database / jährliche makroökonomische Datenbank
https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-research-and-databases/economic-databases/ameco-database_en
[3] Welche Aufgaben kommen für die Sozialdemokratie? Schulmeister und Max Lercher 2018-05-07
https://youtu.be/iJzheZwCtV0
[4] Der Weg zur Prosperität Stephan Schulmeister Buchvorstellung WU in Wien 2018-06-08
https://youtu.be/_s2SJIKk204
[5] „Wir sind in gefährlicher Nähe zu den 1930er-Jahren.“ Stephan Schulmeister im Gespräch 2018-06-18
https://youtu.be/tL0kaHQTByA
[6] Stephan Schulmeister - Europas Weg in die Krise und zurück zur Prosperität 2018-06-22
https://youtu.be/cKy4Y5Zk8ig
[7] Märkte als Religionsersatz? | Stephan Schulmeister bei quer.denken. 2019-02-07
https://youtu.be/EUCGzOkfBtc
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