[Wirtschaft] Deutschlands Rezession erklärt - Mythen und Sackgassen

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[Economics] Germany's Recession Explained - Myths and Dead Ends

In diversen Ländern ist in 2020 das Wirtschafswachstum eingebrochen. Der Grund hierfür ist ein negativer Preisschock. Die so vom Preisschock betroffenen Länder müssen folglich mehr für Importe aufbringen und verlieren gleichzeitig Nachfrage und damit Beschäftigung. Die meisten der hiervon betroffenen Länder konnten diesen Preisschock jedoch überwinden. Deutschland steckt aber in seiner Rezession fest. Doch anstatt eine gesamtwirtschaftliche Perspektive einzunehmen oder von den anderen Ländern zu lernen, ist die Debatte in Deutschland von den eigenen Nebelkerzen geblendet.

Die Mythen

Gerne wird dem Staat und dessen Größe die Schuld für die Rezession gegeben. Der Staat mit seinen Regeln und der verlangten Bürokratie würde Wirtschaftswachstum erschweren oder gar unmöglich machen. Solche Behauptungen sind ohnehin unseriös, als das Deutschland nicht über Nacht Bürokratie eingeführt hat. Und tatsächlich gehen die Anzeichen in die entgegengesetzte Richtung. So sinkt der Bürokratiekostenindex seit Jahren. Der Bürokratiekostenindex vom statistischen Bundesamt soll die bürokratische Belastung der Unternehmen in eine Größe zusammenfassen und über die Zeit auftragen. Enthalten sind das Stellen von Anträgen, Durchführen von Meldungen, Kennzeichnungen, Meldungen zu Statistiken oder die Erbringung von Nachweisen. Und dieser Bürokratiekostenindex ist seit 2012 insgesamt um etwa 6% gesunken.

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Dazu kommt dass die Entwicklung der Erwerbstätigen im öffentlichen Dienst ebenfalls in die entgegengesetzte Richtung geht. Zwar gibt es heute mehr Erwerbstätigen im öffentlichen Dienst als 2000. Die gesamten Erwerbstätigen sind seit 2000 von 36 Mio. auf 43 Mio. in 2024 also um 19% gestiegen sind. Gleichzeitig sind die Erwerbstätigen im öffentlichen Dienst seit 2000 von 4,9 Mio. auf 5,3 Mio. in 2024 also um nur 7% gestiegen. Der Mythos des wachsenden oder gar aus dem Ruder gelaufenen öffentlichen Sektors darf damit als wiederlegt gelten. Wer in Anbetracht dieser Entwicklung bürokratische Prozesse mit dem beschleunigen will, sollte auch für mehr Erwerbstätigen im öffentlichen Dienst werben. Wenn nun Amts- und Behördengänge zu langsam dauern, dann sollte man die zuständigen Stellen mit ausreichend Personal ausstatten anstatt die eigenen Standards zu senken.

[1, NELN] [5]
Wenn nun Amts- und Behördengänge zu langsam dauern, dann sollte man die zuständigen Stellen mit ausreichend Personal ausstatten anstatt die eigenen Standards zu senken.
[1, NELN] [5]

Die aber vielleicht absurdeste Behauptung ist dass Deutschland aufgrund von einem Fachkräfte- oder Arbeitskräftemangel in einer Rezession sei. Letztlich wird hierbei behauptet dass an Fachkräfte- oder Arbeitskräften fehlen würde, während infolge der Rezession Erwerbstätige entlassen werden und die Arbeitslosenquote steigt. Es mangelt nachweislich an Arbeitsplätzen und nicht an Arbeitskräften. Dies ist leicht zu erkennen wenn man die Anzahl der offenen Stellen und die Anzahl der Arbeitslosen gegenüberstellt. So geht das Verhältnis der offenen Stellen und der Arbeitslosen seit 2020 wieder auseinander.

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Im einzelnen kann dies an dem Verhältnis der offenen Stellen und der Arbeitslosen gesehen werden. Das Verhältnis bei Helfern liegt bei 8,7 mit 1.365.000 Arbeitslosen und nur 157.000 Gemeldete Arbeitsstellen. Das Verhältnis bei Fachkräften liegt bei 1,6 mit 718.000 Arbeitslosen und nur 436.000 Gemeldete Arbeitsstellen. Und bei Spezialisten/Experten liegt das Verhältnis bei 1,9 mit 325.000 Arbeitslosen und nur 167.000 Gemeldete Arbeitsstellen. Jegliche Versuche die Arbeitslosigkeit zu verringern, indem man die Arbeitslosigkeit unbequemer macht, sind folglich eine intellektuelle Sackgasse. Man kann Arbeitslose nicht in Arbeitsplätze zwingen, die es nicht gibt. [4, p.19]

Sackgassen

Bereits im Bundestagswahlkampf hat die CDU eine neue Agenda 2010 unter dem Name Agenda 2030 angekündigt. Die CDU hat schon vor der Bundestagswahl in 2025 klar gemacht dass sie die Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreform der Agenda 2010 wiederholen wollen. In den Plänen werden speziell die Leistungen für Arbeitslose kritisiert. Das Bürgergeld sei zu wenig an Leistungsanreizen orientiert und soll deswegen durch eine neue Grundsicherung ersetzt werden. Damit wird offen ausgesprochen was bereits mit der Agenda 2010 durchgeführt wird. Das Wohlstandsversprechen der Vergangenheit ist einer Elendsdrohung gewichen. [6] [7] [8]

Löhne sind zwar die größten Kosten von Unternehmen aber gleichzeitig die größten Einnahmen der jeweils anderen Unternehmen.

Dies ist nicht nur unzweckmäßig sondern kontraproduktiv. Die Verringerung des Sozialleistungsniveaus hat schon infolge der Agenda 2010 dafür gesorgt dass der implizite Mindestlohn und das Lohnniveau gesenkt wurde. Je unangenehmer Arbeitslosigkeit ist, desto größer ist die Bereitschaft schlechte und schlecht bezahlte Arbeitsplätze anzunehmen. Löhne sind zwar die größten Kosten von Unternehmen aber gleichzeitig die größten Einnahmen der jeweils anderen Unternehmen. Es ist also anzunehmen dass, die geringeren Löhne in der größeren Binnenwirtschaft mehr Nachfrage vernichten als mit der kleineren Exportquote zu gewinnen sind. Und genau dies ist schon mit der Agenda 2010 passiert. Die Wettbewerbsfähigkeit die Deutschland durch niedrigere Löhne im Verhältnis zur Produktivität gewonnen hat entspricht dem was der Binnenwirthschaft an Nachfrage entgangen ist. Deswegen ist das Arbeitszeitvolumen seit der Agenda 2010 nahezu konstant.

Die Wettbewerbsfähigkeit die Deutschland durch niedrigere Löhne im Verhältnis zur Produktivität gewonnen hat entspricht dem was der Binnenwirthschaft an Nachfrage entgangen ist.
[1, NLHA] [1, NELN]

Dazu kommt dass mit der Agenda 2030 bereits angekündigt haben die Körperschaftsteuer von 15% schrittweise auf 10% senken zu wollen. Die Körperschaftsteuer ist jene auf das Einkommen bestimmter juristischer Personen, wie z. B. Kapitalgesellschaften, Genossenschaften, Vereinen, Anstalten und Stiftungen. Solche Steuersenkungen sollen üblicherweise Investitionen ankurbeln. Dies verschweigt jedoch dass die Körperschaftsteuer erst auf den Ertrag anfällt, also zu einem Zeitpunkt wenn sich bereits für oder gegen eine Investition entschieden wurde. Dazu kommt das von dieser Steuersenkung erneut hohe Einkommen profitieren. Personen mit hohen Einkommen haben aber eine geringe Ausgabequote, verglichen mit Personen mit niedrigen Einkommen. Denn wenn das Einkommen entsprechend niedrig ist, kann kein oder kaum Vermögen angespart werden. [6] [7] [8] [9]

Im Juni 2025 haben dann Bundestag und Bundesrat einen sogenannten Investitionsbooster beschlossen. Hiernach sollen Elektroautos für Unternehmen subventioniert. Dummerweise leasen Unternehmen Firmenwagen eher, weswegen diese Subventionen nicht greifen. Außerdem werden die Abschreibungsregelungen so geändert, dass früher mehr Wert abgeschrieben werden kann. Dummerweise kann insgesamt also über die gesamte Lebensdauer der Anschaffungen nicht mehr Wert abgeschrieben werden. Und es wurde beschlossen die Körperschaftssteuer, also die Steuer die Kapitalgesellschaften auf Gewinne zahlen, erneut zu verringern. Dies ist besonders dumm da der Sektor Unternehmen bereits vom Schuldner zum Sparer geworden ist und gleichzeitig das Investitionsvolumen trotz mehrfacher Senkung der Körperschaftssteuer auf einem absoluten Tiefststand liegt. Der Sektor Unternehmen entzieht der Volkswirtschaft bereits Nachfrage und sollte dafür nicht belohnt werden. Den in einem System in dem sich sonst nichts ändert führt jede Ersarnis zu einem schrumpfen. [10] [11] [12, p.22]

[1, UVGD] [1, UITT] [12, p.22]

[Wirtschaft] Deutschlands Rezession erklärt - Relevantes und Mythen voneinander getrennt
[Wirtschaft] Deutschlands Rezession erklärt - Möglichkeiten des Handelns

Src:
[1] AMECO database
https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-research-and-databases/economic-databases/ameco-database_en
[2] Bürokratiekostenindex
https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Buerokratiekosten/Erfuellungsaufwand/buerokratiekostenindex.html
[4] Arbeitslose und gemeldete offene Arbeitsstellen 2000 - 2024
https://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV32.pdf
[4] Berichte: Arbeitsmarkt kompakt | März 2024 - Arbeits- und Fachkräftemangel trotz Arbeitslosigkeit
https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Fachkraeftebedarf/Generische-Publikationen/Arbeits-und-Fachkraeftemangel-trotz-Arbeitslosigkeit.pdf
[5] Beschäftigte im öffentlichen Dienst: Deutschland, Stichtag, Beschäftigungsbereich, Dienstverhältnis, Beschäftigungsumfang
https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/74111/table/74111-0002
[6] 12-Seiten-Papier - Rente, Überstunden, Bürgergeld: Das steht in der Agenda 2030 der CDU 2025-01-09
https://www.focus.de/finanzen/news/agenda-2030-die-cdu-plaene-zu-rente-ueberstunden-buergergeld_72d9120e-884c-4861-a862-3ec411b8764d.html
[7] Papier zur Wirtschaftspolitik - CDU will mit "Agenda 2030" Wachstum ankurbeln 2025-01-09
https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/cdu-agenda-2030-100.html
[8] Bundestagswahl: CDU plant Steuerentlastungen mit Wirtschaftsprogramm "Agenda 2030" 2025-01-09
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-01/cdu-wirtschaftsprogramm-agenda-2030
[9] Körperschaftsteuer - Bundesfinanzministerium
https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Glossareintraege/K/koerperschaftsteuer.html?view=renderHelp
[10] Maue Konjunktur - Kabinett billigt milliardenschwere Steuerentlastungen für Unternehmen 2025-06-04
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kabinett-billigt-milliardenschwere-steuerentlastungen-fuer-unternehmen-a-1f3a5250-6348-46b9-b93d-6500a8347b51
[11] Bundestag stimmt für Investitionssofort­programm der Koalition
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw26-de-investitionssofortprogramm-1084772
[12] Albrecht Müller - Die Revolution ist fällig - ISBN 978-3-86489-307-0

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