[Rezension] Erich Vad - Ernstfall für Deutschland - Vorbereitung und Prävention

See also:
[Review] Erich Vad - Emergency for Germany - Preparation and Prevention

Dr. Erich Emmerich Hugo Vad ist Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr, Unternehmensberater, Publizist und Universitätsdozent. Vad hat in Rahmen seiner Laufbahn Geschichtswissenschaften studiert und hierin über die Aktualität der Militärtheorie von Clausewitz promoviert. Bei der Bundeswehr gehörte vad zur Heeresaufklärungstruppe, war von 2000 bis 2006 Berater für Sicherheits- und Verteidigungs­­­politik im Deutschen Bundestag in Berlin und von 2006 bis 2013 Gruppen­­leiter im Bundeskanzleramt, Sekretär des Bundes­­sicherheits­­rates und Militärischer Berater der Bundes­­kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin. In seinem Buch "Ernstfall für Deutschland - Ein Handbuch gegen den Krieg" aus 2024 plädiert er für Maßnahmen um einen Krieg in Europa und Deutschland zu vermeiden.

Vad beschreibt zunächst ein hypothetisches Szenario in dem sich der Ukraine-Krieg auf Deutschland ausgeweitet ist. Infolgedessen wurde ein erheblicher Schaden in Deutschland und Russland angerichtet. Basierend auf dem Szenario liefert Vad Maßnahmen zur Vorbereitung und Prävention.

Das gefährlichste Szenario

Vad warnt vor Krieg in Europa und Deutschland. Dies ist besonders wahrscheinlich, da Deutschland einerseits logistischen Drehscheibe in Europa ist und die Regierung immer größere Risiken eingeht. Vad skizziert folgendes hypothetisches Szenario.

Im Kriege mehr als irgendwo sonst in der Welt. kommen die Dinge anders, als man sich es gedacht hat, und sehen in der Nähe anders aus als in der Entfernung.

Carl von Clausewitz [1, p.9]

Deutschland liefert Taurus Marschflugkörper an die Ukraine und lässt sich immer weiter in den Ukraine-Krieg hineinziehen. Infolgedessen wird Deutschland und europäische NATO Truppen in Deutschland mit Langstreckenwaffen angegriffen. Anstatt den Bündnisfall in der NATO auszurufen, erklären die USA sich auf den Infopazifik zu konzentrieren (Pivot to Asia) aber führen Vergeltungsschläge von Deutschland heraus aus. Gegenseitige amerikanische und russische Vergeltungsschläge führen so die Zerstörung in Russland, Europa und speziell in Deutschland fort Für Vad ist diese Entwicklung ein realistische Folge, da Deutschland weder mit Friedenspolitik noch Kriegspolitik Vorbereitung oder Prävention betrieben. Eine Ursache hiervon ist es dass Deutschland keine selbstständige Außenpolitik hat, außer eine bedingungslose Treue zu den USA. [1, p.9-25]

Vorbereitung und Prävention

Für Vad ist die strategische Bedeutungslosigkeit von Deutschland selbstverschuldet. Gleichzeitig riskiert diese strategische Bedeutungslosigkeit die Sicherheit Deutschlands. Vad beschreibt deswegen verschiedene Maßnahmen die nötig seien um für die Zukunft gewappnet zu sein.

Vermeintliche Allwissenheit gepaart mit Ignoranz ist nie ein guter Ratgeber. [1, p.26]

I. Das Problem erkennen: Der (erste) Zug ist abgefahren
Es hätte klar sein müssen dass die seit langem angestrebte NATO-Mitgliedschaft der Ukraine eine rote Linie für Russland ist. Dies liegt daran dass Russland damit ihren Zugang zum schwarzen Meer über die Krim und sich selbst durch Truppen und Raketen in der Ukraine bedroht sieht. Deswegen dürfen Deutschland die Interessen der anderen Seite weder in der Vergangenheit noch für die Zukunft egal sein. Vad legt dabei großen Wert darauf die andere Seite zu verstehen ohne sie zu verteidigen und darauf dass Verständnis und Verteidigung nicht das gleiche sind. Ein Abnutzungs- oder gar Vernichtungskrieg gegen Russland ist in niemandes Interesse. [1, p.27-29]

II. Tätig werden: Deutschland macht sich kleiner, als es ist
Vad erklärt dass die Notwendigkeit für eine souveräne Politik größer sind als Deutschlands Ambitionen. Einerseits verschiebt sich der Fokus der USA und andererseits machen sich Deutschland und die EU durch gegenläufige Handlungen unnötig klein und schwach. Deutschland könne hierfür in jedem Fall auf Diplomatie mit der anderen Seite und dessen Partner setzen. Dies ist für Deutschland besonders wichtig um zu vermeiden dass der Ukraine-Krieg sich auf Deutschland ausweit und damit Deutschland seinem Gewicht in Europa gerecht wird. [1, p.29-33]

III. Wissen, was wir wollen: Ohne Ziel gibt es keinen Weg zum Ziel
Vad beschreibt wie ziellos die Politik agiere und keinen Plan für langfristige Ziele hat. Er erkenne zwar an das man Waffenlieferungen an die Ukraine beschließen und durchführen kann, stellt aber fest dass man keinen Plan darüber hinaus habe. Zwar gibt es Bereitschaft Taurus Marschflugkörper an die Ukraine zu liefern, verschließe aber die Augen vor den Konsequenzen. Man habe keinen Plan für einen Weg aus dem Konflikt oder wie ein möglicher Frieden aussehen soll. [1, p.33-36]

Russland zu ächten mag moralisch richtig sein, kostet uns aber ebenfalls - und zeigt bisher weder die erhoffte durchschlagende Wirkung, noch bringt es Putin an den Verhandlungsstich. [1, p.35]
Wenn wir ans Ziel kommen wollen, dürfen isolierte Waffenlieferungen nicht unser zentrales, alles beherrschende politische Thema sein. [1, p.36]

Vad wirft der deutschen Regierung deswegen vor strategisch planlos und nicht lösungsorientiert zu sein. Anstatt das Deutschland eine umfassende Strategie anhand der eigenen nationalen Interessen hat, benimmt sich Deutschland wie ein Teil der USA und klammert die eigenen Interessen aus. [1, p.33-36]

Frieden bedeutet nicht, schnellstmöglich beste Freunde zu werden. Frieden ist lediglich die Abwesenheit von Krieg, und ohne Frieden wird auf Dauer niemand überleben. [1, p.33]

IV. Für sich einstehen: Deutschland muss (und darf) auch selbst der Nächste sein
Es mag aufgrund der Geschichte für Deutschland verständlich sein, die Welt in gut und Böse, Richtig oder Falsch einzuteilen. Und es mag verständlich sein dass Deutschland lieber friedlich, freundlich und eher harmlos aufzutreten. Deutschland halte sich damit und deswegen aber selbst und zum eigenen Nachteil zurück. [1, p.36-38]

Deutschland tritt geopolitisch nicht als ebenbürtiger Partner in Aktion. Wir nehmen keine strategisch führende Rolle in der EU oder NATO ein, obwohl wir es könnten. Von einer Partnerschaft auf Augenhöhe mit unseren engsten Verbündeten, den USA, kann keine Rede sein. [1, p.37]

V. Abschreckung aufbauen, Verständigung suchen: So sichern Bundeswehr und Politik den Frieden
Vad erklärt dass die Notwendigkeit für nationale Streitkräfte nicht immer vorhersehbar ist. Folglich müssen die Streitkräfte stets ausreichend kriegstüchtig sein.
Vad beschreibt dass diese Sicherheitspolitik früher Europa untrennbar mit Nordamerika verbunden hat. Mittlerweile sei die deutsche Sicherheitspolitik aber von den Interessen der USA geprägt, wie exemplarisch die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland und der Ukraine-Krieg zeigen. Dieser Wandel der Westbindung wird als Wechsel von einer Allianz zu einer Untertanenmentalität beschrieben. [1, p.38-43]

Durch die Kriegstüchtigkeit hat die damalige Bundeswehr maßgeblich dazu beigetragen, dass es nicht zum Krieg kam. Der Frieden wurde bewahrt, weil die einstige Bundesrepublik eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit besaß. Das galt übrigens auch für die DDR und deren NVA - auch wenn der Auftrag naturgemäß ein anderer war. [1, p.39]

Stattdessen soll eine Abschreckung durch Diplomatie und gemeinsame Abrüstung erreicht werden. Eine solche Diplomatie und gemeinsame Abrüstung habe die Sicherheit Europas auf beiden Seiten im kalten Krieg gesichert und Deutschland und Westeuropa eine Gestaltungskraft in der NATO gegebenen. Vad legt besonderen Wert darauf die Interessen der anderen Seite zu beachten, unabhängig davon ob diese berechtigt sind oder nicht. Diese Interessen werden nicht mangels Verständnis verschwinden, folglich müssen sie analysiert, bewertet und adressiert werden.
Deutschlands Interessen haben sich geändert und das Verhältnis zu den USA garantierte nicht mehr ausschließlich Sicherheit sondern riskiere diese. In diesem Zusammenhang sei die Erwartungshaltung der USA an Deutschland gegenüber Russland und China nicht mit den Interessen Deutschlands vereinbar. Auch deswegen müsse sich Deutschland von den USA und dessen Konflikt mit Russland und China emanzipieren. [1, p.38-43]

Wir haben uns in Sicherheit gewogen und darauf gesetzt, dass der Status quo der Welt und der Frieden erhalten bleiben. Doch Frieden und Sicherheit machen Arbeit. Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass sich Deutschland nicht auf Waffenlieferungen beschränken kann. [1, p.41]

VI. Vorbereitet sein: Bundes-Prepping statt Kampf ums Überleben
Vad plädiert außerdem für einen umfassenden Zivilschutz durch den Staat aber auch eine Wiedereinführung der Wehrpflicht. Einerseits müsse entsprechende Infrastruktur zum Schutz der Zivilbevölkerung errichtet und ertüchtigt werden. Außerdem muss eine Unabhängigkeit von Importen und Energieimporten erreicht werden, um sich weniger verletzbar von Preisschocks und Unterbrechung von Lieferketten zu machen. Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht sieht Vad für geboten um wieder die von ihm angestrebte Truppenstärke zu erreichen. [1, p.43-45]

VII. Abnabeln, emanzipieren, selbst denken: Die USA dürfen nicht unser alleiniger Fixstern sein
Vad erklärt dass die Allianz mit den USA für Europa Sicherheit geschaffen habe, indem es im kalten Krieg den Einsatz für beide Seiten erhöht hat. Deswegen sei das Verhältnis der USA im beiderseitigen Interesse, wenn auch nicht auf Augenhöhe. Inzwischen sind die Interessen die von dieser Allianz vertreten werden aber einseitig die der USA. Anstatt dies aber infrage zu stellen folgt Deutschland aber einfach. [1, p.45-52]

Inzwischen hat sich die Allianz zwischen Deutschland und den USA gewandelt, die Freundschaft ist einseitiger geworden. Wir machen nach, was und die Amerikaner vorturnen. Handeln, wie Washington es von uns erwartet. Ohne das es zwangsläufig in unserem Interesse ist. [1, p.46]

Vad nennt exemplarisch die Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Deutschland. Der Zweck sei hierbei Russland aus einem anderen Land als den USA und in kürzerer Zeit zu erreichen. Bei einem Gegenschlag würde aber Deutschland stellvertretend für die USA getroffen. Erschwerend kommt hinzu dass die amerikanischen Raketen diesmal nur in Deutschland und nicht großflächig im NATO Gebiet stationiert werden und Deutschland ohnehin Aufmarschgebiet und logistische Drehscheibe für die NATO ist. Neben dem Risiko für Deutschland würde dies potentielle Verhandlungen von Deutschland mit Russland erschweren. [1, p.45-52]

Das amerikanische Engagement für die Ukraine dient vor allem dazu, Russland als strategische Rivalen der USA in die Schranken zu weisen. [1, p.47]

Vad verweist in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit von Rüstungskontrollen. Deswegen fordert Vad dass die deutsche mit der amerikanischen Regierung über eine Erneuerung des INF-Vertrags (Intermediate Range Nuclear Forces) verhandelt. Diesen Vertrag von 1987 haben die USA 2019 gekündigt, nachdem sich beide Seiten Vertragsverletzung vorgeworfen haben. [1, p.45-52]

VIII. Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen: Wenn Dämonen uns hindern, klar zu sehen
Vad kritisiert besonders im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg die Qualität der Berichterstattung und öffentlichen Debatte. Im speziellen wird kritisiert wie die andere Seite, dessen Bevölkerung und dessen Soldaten entmenschlicht werden und wie sehr sich Leitmedien mit der Regierung gemein machen. Unabhängig davon wie legitim ein Militäreinsatz ist, sterben und leiden auch auf dessen Seite menschliche Individuen die keine seelenlosen Marionetten des Bösen sind. [1, p.52-55]

Je schlimmer der Feind anmutet - zum Beispiel als blutrünstiges Monster oder dämonischer Nazi - und je katastrophaler die Folgen für das Land und Leben scheinen, umso eher sind die Bürger gewillt, auch hinter (Kriegs)Entscheidungen ihrer Regierung zu stellen. [1, p.53]

In diesem Zusammenhang kann es dazu kommen dass sich die Bevölkerung von der klassischen Berichterstattung abwendet und alternativen Medien zuwendet. Dies kann zweckmäßig sein, hierbei laufe die Bevölkerung aber auch Gefahr den größten Unsinn zu glauben. [1, p.52-55]

Regierungsvertreter sind Repräsentanten der deutschen Bevölkerung, keine unabhängigen Herrscher. [1, p.55]

[Rezension] Erich Vad - Ernstfall für Deutschland - Das gefährlichste Szenario
[Rezension] Erich Vad - Ernstfall für Deutschland - Das transatlantische Dilemma 2026-04-22

Src:
[1] Erich Vad - Ernstfall für Deutschland : Ein Handbuch gegen den Krieg - ISBN 978-3-86489-492-3
[2] Erich Vad Consulting
https://erichvad-consulting.de/
[3] Leseprobe
https://westendverlag.de/media/34/63/da/1730736907/LESEPROBE_Vad_Ernstfall-fuer-Deutschand.pdf

Kommentare